Exkursion zum Hartmannswillerkopf

Donnerstag, 18. Oktober 2018 | 

Schlagwörter »  |  Thema: Allgemein, Studiengänge, Veranstaltungen

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Kriegsschauplatz, Todesbringer, „Menschenfresserberg“ – der Hartmannswillerkopf steht sinnbildlich für das Leiden und die Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs. Hier im beschaulichen Elsass, wo eine tolle landschaftliche Kulisse naturbegeisterte TouristInnen anlockt und die Städte und Dörfer für ihr besonderes Flair bekannt sind, soll sich also vor 100 Jahren eine blutrünstige Schlacht abgespielt haben? Auf den ersten Blick kaum vorstellbar!

Der Reisebus schlängelt sich die Serpentinen hoch, an Bord die neuen Masterstudierenden der drei Studiengänge, die MitarbeiterInnen des Frankreich-Zentrums und Prof. Dr. Gerd Krumeich, Experte zum Thema Erster Weltkrieg. Das Wetter ist toll, die Sonne scheint uns ins Gesicht, es fällt anfangs nicht immer leicht, sich auf die historische Bedeutung dieses Orts einzulassen. Heute sind wir in einer deutsch-französischen Gruppe unterwegs, machen Bekanntschaften, tauschen uns über Aufenthalte im benachbarten Land aus und genießen die Selbstverständlichkeit grenzenlosen Miteinanders. Wo wir heute stehen, da kämpften aber früher unsere Vorfahren gegeneinander. Der Soldat Wolfgang Panzer schreibt 1915 an seine Eltern und Geschwister:
„Die Hinterleute drängen nach vorne und die armen Opfer, die einmal mit dem Draht in Berührung gekommen sind, können in aller Ruhe abgeknallt werden! – In aller Stille luden wir die Bretter und die Dachpappe auf der mondbeschienenen Landstraße ab, jeder nahm nun 2 Bretter auf die Schulter, und hinunter gings ins Wiesental, alles möglichst leise, denn der Feind kann uns hier genau beobachten und dann sind gleich ein paar Granaten da.“

Im erbitterten Kampf an der „Westfront“ kam den Höhenzügen ein besonderer Status zu. Sie waren als Beobachtungspunkte von strategischer Bedeutung. So unternahmen beide Gegner Versuche, die Gebirgsfront zu durchbrechen und den Gipfel des Hartmannswillerkopfes zu erobern. In den vier Kriegsjahren wechselte die Kuppe mehrmals ihren Besitzer, eroberte Schützengräben wurden oftmals kurze Zeit später von den anderen zurückerobert. Der Kampf um den Hartmannswillerkopf symbolisiert die Ausweglosigkeit des Krieges und das verursachte menschliche Leid – 30.000 Soldaten kamen ums Leben, die Zahl der Verletzten liegt weitaus höher. Die Frontlinie, die für den Kriegsausgang nur eine sekundäre Bedeutung hatte, erstarrte schließlich in ihrer Ausgangsposition. Der Hartmannswillerkopf war nun ein zusätzlicher Baustein im Mythos um die sogenannte deutsch-französische Erbfeindschaft. Es liegt heute also nahe, genau auf diesem Gelände eine deutsch-französische Gedenkstätte zu errichten, die der Annäherung und fortschreitenden tiefgreifenden Verflechtung Frankreichs und Deutschlands Rechnung trägt.

Vor Ort wurden wir zuerst von Gilbert Wagner über den Soldatenfriedhof und das ehemalige Schlachtfeld geführt. Ein großer, rein französischer Soldatenfriedhof erinnert an die gefallenen Soldaten. Auch heute noch werden bei Restaurationsarbeiten immer wieder Gebeine und Überreste von Soldaten gefunden. Beim Gedenken an den Ersten Weltkrieg 2014 waren Joachim Gauck und François Hollande bei der Trauerzeremonie anwesend und legten gleichzeitig den Grundstein für das inzwischen fertiggestellte deutsch-französische „Historial“. Insofern kann der Hartmannswillerkopf heute als Sinnbild für die Aussöhnung beider Nationen angesehen werden.

Das Schlachtfeld selber fand in den ersten Jahren nach dem Krieg keine Beachtung. Erst in den 60er Jahren, mit der Gründung des Fördervereins „Amis du Hartmannswillerkopf“, begann man mit der Aufarbeitung der Spuren des Krieges auf dem Schlachtfeld. Das Ergebnis der Arbeit ist verblüffend: Kilometerlange Schützengräber sind begehbar, original erhaltene Drahtzäune, Bunker und Explosionskrater sichtbar. Die Absurdität des Krieges wird hier greifbar. Schützengräben der beiden Armeen liegen zum Teil nur wenige Meter voneinander entfernt, überhaupt hatten sowohl die französische als auch die deutsche Seite mit großen logistischen Problemen zu kämpfen und griffen in ihrer Notlage etwa auf Seilbahnkonstruktionen zurück.

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Mittags kehrte die Gruppe in der Gaststätte „Ferme Auberge du Molkenrain“ ein, wo sie in urig eingerichteter Umgebung ein herzhaftes regionales Mittagsmenü erwartete.
Die Exkursionsgruppe konnte nachmittags im modernen „Historial“ eine Filmprojektion zum Schlachtverlauf, Informationstafeln und Zeitzeugenberichte sehen, welche die dortigen Geschehnisse in einen größeren Kontext einbetten. Nach anfänglicher Einführung während der Hinfahrt im Bus, ergriff Prof. Krumeich nun erneut das Wort, kommentierte ausgewählte Teile des Historials und ließ uns an seinem Expertenwissen teilhaben.

Der Tag war in jeder Hinsicht ein Erfolg; wir bedanken uns ganz besonders bei Herrn Prof. Krumeich und Herrn Wagner für die fachkundige Begleitung sowie bei allen Studierenden für ihr Kommen!

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