Lesung und Gespräch mit Olivier Guez: La disparition de Josef Mengele / Das Verschwinden des Josef Mengele

Mittwoch, 10. Oktober 2018 | 

Schlagwörter »  |  Thema: Allgemein, Veranstaltungen

Am 05. Oktober 2018 stellte der preisgekrönte Olivier Guez in Freiburg seinen neuen Tatsachenroman „La disparition de Josef Mengele“ vor. Die Lesung fand in den Räumlichkeiten des Centre Culturel Français Freiburg statt und wurde in Kooperation mit dem Frankreich-Zentrum der Universität, der Landeszentrale für politische Bildung und dem Literaturhaus Freiburg organisiert. Die zahlreich erschienenen Zuhörer erwartete eine kurzweilige Veranstaltung, in der der Moderator Dr. Guillaume Plas vom Frankreich-Zentrum im Gespräch mit Guez Motivation und Gedankengängen des Autors auf den Zahn fühlte. Rainer Suchan vom SWR-Studio Freiburg lieh seine tiefgehende Stimme der mit Bedacht gewählten Textabschnitte.

Der französische Autor und Journalist Olivier Guez widmet sich seit geraumer Zeit besonders intensiv der deutschen Geschichte der Nachkriegszeit: In seiner „Heimkehr der Unerwünschten: Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ geht Guez der Frage nach, wie Juden nach dem Holocaust wieder nach Deutschland zurückkehren konnten; der von der Öffentlichkeit gefeierte und mehrfach ausgezeichnete Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ zeigt das Leben und Wirken des Generalstaatsanwalts, der sich auf die Fahnen schrieb, möglichst viele NS-Verbrecher ausfindig zu machen und vor Gericht zu stellen. Im heute vorgestellten Tatsachenroman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ unternimmt Guez einen Perspektivwechsel. Wo bisher eher die Opfer des Krieges Gegenstand seiner Arbeiten waren, schlüpft er nun in die Haut eines der größten Kriegsverbrecher überhaupt – dem KZ-Arzt Mengele – und schildert dessen Leben nach Kriegsende.

 

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Von links nach rechts: Rainer Suchan (SWR), Olivier Guez und Dr. Guillaume Plas (Frankreich-Zentrum)

 

Im Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ begibt sich Guez auf einen Drahtseilakt: Als Nazi-Roman könnte sich Guez eine große literarische Freiheit erlauben, könnte die Schreckensfigur des Mengele nach Belieben ausschmücken. Doch Guez entscheidet sich für einen anderen Weg: er möchte die Geschehnisse real abbilden, möchte das Bild Mengeles nicht verzerren. Guez verbrachte knapp 4 Jahre mit einer penibel genauen Recherche, reiste nach Südamerika, begab sich auf die Spuren Mengeles und sprach mit seinen dortigen Weggefährten und deren Nachkommen. Guez betont im Gespräch, man müsse an der Materie reifen, sie überwinden und seine persönliche Meinung oder Voreinstellung hinter sich lassen, bis das Verfassen des Romans beginnen kann: „Mit Wut im Bauch lässt sich kein Buch gut schreiben“, sagt er in seiner gewohnt nüchternen Art.

Das Ergebnis ist sensationell. Der Leser ist anwesend, wenn sich Mengele auf die Flucht nach Südamerika begibt, untertaucht, und die drei Stationen in Argentinien, Paraguay und schließlich Brasilien begeht. Guez‘ Roman ist so gut recherchiert und so distanziert gehalten, dass der Leser darüber im Konflikt mit sich selber ist, wie er sich in der Geschichte zu positionieren hat. Aus erhaltenen Tagebüchern Mengeles weiß man, wie schlimm es um ihn bestellt war, wie sehr ihn die Fluchtsituation peinigte. „Die langen Jahre der Flucht Mengeles sind eine Art gerechte Strafe für seine Taten“, argumentiert Guez. In Deutschland, wo ihm der Prozess gemacht worden wäre, wäre Mengele womöglich nach 15 Jahren aus der Haft entlassen worden. Einige der ZuhörerInnen runzeln die Stirn. Erst einmal sollte nämlich nicht außer Acht gelassen werden, dass Deutschland ganz bewusst keine nennenswerte Energie in die Strafverfolgung der Naziverbrecher gesteckt hat. Ohnehin erscheint die Frage nach gerechter Strafe alles andere als trivial: Wie sieht angemessene Vergeltung aus? Nach welchen Rechtsmaßstäben handeln wir? Wie sollen Kriegsverbrecher mit ihren Untaten konfrontiert werden, wenn nicht vor einem geregelten, auf klaren Gesetzen basierenden Tribunal? Der Aspekt der Genugtuung für Opfer nach der Verurteilung ihres Peinigers ist wohl weitaus wichtiger als eine diffuse Fluchtsituation, in der der Täter untertaucht und völlig von der Bildfläche verschwindet.

Sinnbildlich für dieses Dilemma steht der Sohn Mengeles, Rolf, auf dessen Figur Guez ein besonderes Augenmerk gelegt hat. Rolf Mengele ist von seiner Mutter Irene in Freiburg großgezogen worden und nimmt in den Augen von Guez eine „tragische Rolle“ ein. Er hat Briefkontakt zu seinem Vater, besucht ihn in Südamerika, möchte wissen, ob die Zeitungen Recht haben, wenn sie von seinem Vater als grausamem KZ-Arzt sprechen. Rolf beschließt, seinen Vater nicht an die Behörden auszuliefern. Für die unvorstellbaren Taten des „Todesengels von Auschwitz“ bat Rolf aber das Land Israel vor einigen Jahren um Entschuldigung.

Das gebannte Publikum lauscht den beiden Vorlesern – die Veranstaltung war ausverkauft.

 

(Danke an das Centre Culturel Français für die Bilder!)

 

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