Lesung Tanguy Viel – Selbstjustiz / Article 353 du Code Pénal

Donnerstag, 16. November 2017 | 

Schlagwörter »  |  Thema: Allgemein, Veranstaltungen

Im Rahmen des 31. Freiburger Literaturgesprächs und der Reihe Freiburg auf Französisch im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2017 mit Gastland Frankreich luden das frisch eröffnete Literaturhaus Freiburg, das Centre Culturel Français Freiburg und das Frankreich-Zentrum der Uni Freiburg am Freitag, 10. November 2017, zu einer Lesung von Tanguy Viels neuem Roman Selbstjustiz / Article 353 du Code Pénal.

Tanguy Viel, geboren 1973 in Brest, lebt heute in der Nähe von Orléans. Auf seinen ersten Roman „Le Black Note“ 1998 folgten zwölf weitere, für die er u.a. mit dem Prix Fénéon und dem Prix de la Vocation ausgezeichnet wurde. „Selbstjustiz“ ist de r fünfte Roman, der nun auch auf Deutsch im Verlag Wagenbach verfügbar ist. Die deutsche Übersetzung stammt erneut von Hinrich Schmidt-Henkel, dessen Gesicht und klare Stimme bestimmt einigen aus ARTEs Karambolage bekannt ist. Beide sitzen an diesem Abend auf dem Podium. Sie wirken schon nach kurzer Zeit wie zwei alte Freunde, die einander schätzen und eine spitzbübische complicité entwickelt haben – doch um nicht wie ein Wanderzirkus wirken, so Schmidt-Henkel, hätten sie für den heutigen Abend ein paar neue Gesprächsthemen vorbereitet. Dann kann es ja losgehen!

 

viel

 

In Selbstjustiz geht es also um Kermeur, der am Leben ist, und Lazenec, der tot ist. Der Verdächtige Kermeur wird zum Richter gebracht und beginnt zu erzählen. Wie man aus einer banalen Sache, einem fait banal, einen interessanten Roman mache, ist Schmidt-Henkels erste Frage an Viel. Man müsse von Anfang an daran glauben und eben aufpassen, dass es keine soap opera, nichts Banales werde. Kermeur, der Mörder, werde durch Viel zu einer poetischen Figur. Seine Stimme habe etwas Poetisches und er erzeuge damit eine poetische Stimmung – mit der Stimme Stimmung erzeugen, dieser semantische Zusammenhang sticht in der deutschen Sprache besonders hervor. Viel vergleicht seine Arbeit mit einer Kamera, die auf unpoetische Dinge gerichtet ist, in die jedoch ein vor die Linse geschalteter Filter der poetischen Stimme eingebaut sei. Und so schafft er es, Elemente der mündlichen Sprechweise, abgebrochene oder unvollständige Sätze, mit einer besonderen Poetizität zu verbinden und dadurch einen ganz eigenen Stil zu entwickeln.

 

Zur Illustration lesen beide die ersten Seiten des Buches, zunächst Viel auf Französisch, anschließend Schmidt-Henkel auf Deutsch. Das Publikum begibt sich mit ihnen auf eine Reise an die bretonische Küste, an Bord eines Schiffes, ist zusammen mit den Möwen Zeuge von Lazenecs Ertrinken im Meer, ist bei der Verhaftung Kermeurs dabei und lauscht dem Beginn des Gesprächs zwischen Kermeur und dem Richter. „Ein einfacher Betrugsfall“, fasst Kermeur den fait banal für den Richter zu Beginn seines Berichts noch einmal zusammen. Doch hier halten Autor und Übersetzer inne. Das Publikum ahnt nun umso mehr, dass die folgende Geschichte keineswegs eine banale sein wird.

 

Und so erzählt Kermeur die Geschichte seines Lebens, wobei Viel die Erzählung nicht nur mit einem besonderen Blick auf die Natur ausstattet und seinem Protagonisten diese poetische Stimme verleiht – Kermeur ist ein ehemaliger Arbeiter einer Munitionsfabrik in Brest und bezeichnet sich beispielsweise als Knospe am Ende eines Astes, wie Schmidt-Henkels hervorhebt –, sondern ebenso ein Panorama von dreißig Jahren französischer Geschichte, regionaler Geschichte, Gesellschaftsgeschichte und der zugehörigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aufmacht. Viel hätte sich schon immer gewünscht, eine Geschichte mit historischen Bezügen zu schreiben, wollte aber nie über eine bestimmte Zeit schreiben. Die historische Einbettung dieses Romans geschieht also eher beiläufig, im Hintergrund, wird zum Teil von Kermeurs Leben: die 80er und 90er Jahre in Frankreich, Mitterrands Amtszeit, die Annäherung zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Damit ist auch ein wichtiges Stichwort gefunden: das Geld. Geld zieht sich als Motiv durch Viels gesamte Romane – „Warum Geld?“ fragt ihn Schmidt-Henkels. Eine literarische Antwort: Geld bewege die Menschen. Und eine metaphysische: Geld sauge sämtliche Besessenheit der Figuren an.

 

Zum Abschluss geht es ganz an den Anfang des Buches, um den Titel. Der französische Titel „Article 353 du Code Pénal“ wurde nicht wortgetreu ins Deutsche übersetzt. Viel erklärt an dieser Stelle seine eigene Überraschung, dass dieser Titel überhaupt vom französischen Verlag angenommen wurde. Er habe selbst lange über den passenden Titel nachgedacht und dabei in der Tat auch Kompositionen mit dem Begriff Justiz im Visier gehabt. Daher ist er mit dem deutschen Titel „Selbstjustiz“ auch sehr zufrieden und findet diesen sogar besonders passend. Allerdings gäbe es für den deutschen Begriff „Selbstjustiz“ wiederum keine exakte französische Übersetzung. Der Roman bietet den Lesern aber auf jeden Fall einen neuen Blickwinkel, Selbstjustiz werde man vor und nach dem Lesen unterschiedlich verstehen – jetzt ist die Spannung auf das Buch endgültig aufgebaut!

 

„Viel Glück dem Literaturhaus Freiburg!“ ruft Schmift-Henkels zum Abschied. Während Viel den deutschen Lesern noch einige Exemplare seines Werks signiert, verwandelt sich der Saal langsam in eine große Tanzfläche. Podium und Stühle werden zur Seite geräumt, eine Diskokugel aufgehängt und das DJ-Pult installiert. Kurz darauf beginnt die „Soirée française“ mit Musik von DJ Thomas Bohnet. Bis 2 Uhr morgens wird nun gemeinsam getanzt und gesungen.

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